Originaltitel: Last  Exile

Produktionsland: Japan 2003

Regie: Kôichi Chigira

Darsteller: Chiwa Saito, Mayumi Asano

Trailer

Vor einiger Zeit hab ich mit „,Last Exile“ ein weitere, bekannte Anime-Serie beendet. Insgesamt brauch ich doch recht lange –, ich kann schon froh sein, wenn ich pro Woche mehr als 4 Folgen schaffe. Wieso kann ich eigentlich grundsätzlich beim Ende von Anime-Serien dann wieder nicht einschlafen, während ich vorher sofort wegdöse?

Naja. Am Anfang jeder Story steht der Charakter. Eine Sache, die ich zugegebenermaßen erst in den letzten Monaten immer mehr zu spüren bekomme. Für Story und Erzähltheorie hab ich mich ja immer schon interessiert. Aber langsam, und das mag naiv gewesen sein, begreife ich, dass transzendentale Charaktere viel entscheidender sein können als Dramaturgie und Erzählweise –, zumindest entscheidender als ich bisher annahm. Ein Memento oder 12 Monkeys sind zweifelsohne spannende Erzählexperimente –, aber so wirklich erinnern kann ich mich an die Geschichte nicht mehr. Wenn uns die Japaner also etwas voraushaben, dann ist es die Kunst der Charaktergestaltung. Ausnahmslos jeder Charakter in ihren Geschichten sind funktional und entsprechen –paradoxerweise- erzähltypischen Grundprämissen. Sie ergänzen oder konterkarieren sich, entwickeln sich und überraschen. Die Story ist dann am Ende nur noch ein Beiwerk, das mechanisch entsteht und sich ganz natürlich und ohne Kraftaufwand entfaltet. Besonders intensiv hatte ich das letztens bei Elfen Lied bemerkt, mein derzeit All-Favorite wenn es um Anime Serien geht. Mit Last Exile hab ich so gewisse Probleme. Zunächst hab ich mich an der epischen Geschichte gestoßen, die ich nicht vollständig erfassen konnte und die meiner Meinung nach zunächst –verstärkt durch unglaubwürdiges Charakterverhalten- von Logiklöchern nur so wimmelte.

Um was geht’s? Die Welt ‘Prestale’ bietet ein sehr bizarres Bild unter der Unzahl ‘gewöhnlicher’ Settings: Zahllose Inseln schweben über ein Wolkenmeer. Der ganze Planet besteht praktisch aus Wolken und Gas und wäre auch für Menschen unbewohnbar, gäbe es eben nicht die Inseln. Diese schweben mit Hilfe von ‘Claudia’, einem glühenden Mineral, dass sowohl als Währung als auch als Treibstoff von zivilisierten Völkern Prestales benutzt wird. Wie das Claudia der Schwerkraft entgegen wirkt, wird nicht erklärt. Entfernt man zu viel Claudia aus einer Insel (beispielsweise durch Bergbau für Treibstoff), so wird diese zu schwer und versinkt in den Wolken. (…) Der Handlungsrahmen und das Setting sind dem Steampunk zuzuordnen. Die Zivilisationen und Mentalitäten Prestales gleichen sehr den Europäischen zur Zeit der industriellen Revolution: Die Maschinen sind auf dem Vormarsch in Kulturen, die noch Agrargesellschaften gleichen, der Adel verliert an Macht, hat aber die Führungspositionen immer noch fest im Griff. Auch Gerätschaften, Technologiestufe und Fortbewegungsmittel entsprechen in etwa diesem Zeitalter. Als gewöhnliche Transportzeuge benutzt man vor allem Claudia-betriebene Luftschiffe. (…) Die beiden jungen Van-Ship-Piloten und Nachrichtenkuriere Klaus Valca und Lavie Head geraten durch einen gewöhnlichen Auftrag in die Fronten des Krieges. Wenig später finden sie einen sterbenden Kurierskollegen, der sie bittet, seine Fracht – ein junges Mädchen namens Alvis Hamilton – zu ihrem Zielpunkt zu bringen. Von da an werden die zwei plötzlich zur Zielscheibe der eigentlich neutralen Gilde, die stark an Alvis interessiert zu sein scheint. [Quelle: Wikipedia]

In der Tat ist das Setting vom Animationsstudio GONZO atemberaubend in Szene gesetzt: Da tummeln sich Millionen von „,Schiffen“, am Himmel, die geradezu fantastisch in den Wolken „,versinken“. Die Analogie zu alten Seeschlacht-Filmen ist kaum zu leugnen. Auch die Kombination von CGI und Anime-Stil funktioniert traumhaft. Doch irgendwie versuchte man zuviel in die nur 26 Folgen zu packen. Viele Fragen bleiben unerklärt, viele Besonderheiten dieser Welt und deren Funktionsweise kann man nur erahnen. Für mich war zunächst wie erwähnt die gesamte Dramaturgie unglaubwürdig. Warum zum Geier lässt man einen Kriegsgefangenen mit in den Kampf? Wieso sprechen die Hauptcharaktere zunächst von der Sylvana als todbringendes Schiff nur um nachher darauf zu bleiben? Was sollen die vielen scheinbar sinnlosen Aktionen in jeder Folge? Hatte ich die Serie schon beinahe innerlich abgeschrieben, kommt doch dann plötzlich eine kleine Passage der Aufklärung. Nicht, dass die Geschichte von Koichi Chigira dadurch recht viel transparenter würde. Vielmehr werden kleine Details erklärt. Kleine Backstory-Elemente der Charaktere, winzige Besonderheiten. Die lassen bei mir zwar nicht das große Licht aufgehen, aber irgendwie versichert man mir dadurch, dass die ganze Welt und alle Aktionen schon irgendwie ihre Richtigkeit haben müssen – und dass ich sie vielleicht nur (noch) nicht begreife. Und in der Tat verhaften die Charaktere im Ansatz, erklären sich nie vollständig sondern immer genau noch für genug Interpretationsraum. Als der (vergleichsweise blasse) Pilot Klaus mit einer anderen ausfliegt, explodiert seine Navigatorin Lavie fast vor Eifersucht. Es blitzt für den Bruchteil einer Sekunde die Möglichkeit der Liebesbeziehung der beiden Protagonisten auf, nur um gleich danach, wie nie erwähnt, wieder im Erdboden respektive den Wolken zu versinken. Gleich danach trickst uns Last Exile aus, wenn Lavie selbst mit einem anderen Typen, halbdeutig auf der Pirsch, eine Station unsicher macht, um am Ende der Folge schwerherzig aus dem Off zu flüstern: „,Du Klaus, ich muss dir was sagen…,“,. Praktisch überzeugt, jetzt das große Geständnis zu hören geht es am Ende dann doch, völlig naiv, um was ganz anderes.

Eigentlich müsste man dann doch denken, Schwamm drüber. Komische Dramaturgie. Zumindest für den westlichen Gebrauch. Oder man selbst ist einfach zu dumm. Oder man überinterpretiert und es ist halt eben nur ne (Klischee an) „,Kinderserie“,. Aber warum wünsche ich mir umgehend nach der letzten Folge Klaus, Lavie und Alvis sofort zurück auf den Bildschirm? Warum möchte ich sie trotz der konfusen (und doch epischen) Geschichte nicht mehr missen?

Vielleicht weil ich die Ereignisse durch ihre naiven Kinderaugen betrachtet habe und eigentlich gar nicht so viel über die Wahrheit wissen muss? Vielleicht weil mir die Charaktere dadurch einfach unglaublich schnell unglaublich nah gegangen sind? Vielleicht, weil ich unbewusst weiß, dass eben jene Charaktere nicht sinnlos gehandelt haben, sondern weil sie Tiefe besitzen, eine Glaubwürdigkeit, eine metaphysische Geschichte, die irgendjemand da draußen ganz genau weiß, und sie nur nicht erzählt hat. Weil ihm bewusst ist, dass sein Wissen darüber in seinen Charakteren steckt, irgendwo. Und das merkt man.

Basti: Nani ni akogarete dare wo omou no ka inochi kakeru sugata sukitooru utsukushisa ni kotoba wo nonda – ist der Text des Abschlussliedes. Der soviel heißt wie: “Was begehrst Du? An was denkst Du? Die lebensmüde Silhouette sieht ihre durchsichtige Schönheit. Ich habe keine Worte mehr.“ Dito.