München. Der altehrwürdige Gloria-Filmpalast. 10 Uhr.

Das Kino ist mäßig gefüllt. Erregtes Geflüster zwischen den Leuten – meist junge Besucher. Einige grübelnde Hornbrillenträger hier, ein paar extrovertierte Hutfetischisten dort. Geplant ist der persönliche Auftritt eines Film-Urgesteins und Oscarpreisträgers: Roger Corman.

„Wir wissen noch nicht genau, wann er kommt“, heißt es von der Leitung. Eigentlich war um 10 Uhr der Beginn geplant. Dann soll er den Zuhörern erklären, wie es geht – das Filmemachen mit Budgets von teilweise unter 100.000 Dollar. Denn damit wurde Corman berühmt, berüchtigt und erfolgreich. Er unterrichtete Persönlichkeiten wie James Cameron, Francis Ford Coppola, Joe Dante, Ron Howard oder Martin Scorsese. Zwei Tage lang wird Corman über das Low-Budget-Filmemachen und den Filmmarkt von heute am Münchner Stachus referieren. Für ein paar Stunden darf ich als stiller Zuhörer dabei sein.

Nach nur 10 Minuten: Applaus. Roger Corman höchst selbst marschiert durch die Kinoreihen. Die „Vorlesung“ beginnt. Gleich zu Beginn lässt es Corman gehörig krachen: Das Independent-Kino der Corman-Zeit sei tot. Kein unabhängiger Film schaffe es mehr ins Kino. DVD-Verkäufe seien rückläufig. Alle unabhängigen Filmemacher seien bereits nach kurzer Zeit frustriert. Geld verdienen indem man günstig und viel produziert sei weder in Amerika noch in Europa mehr rentabel machbar. Die Zukunft könnte, und Corman beton das „könnte“, im Internetvertrieb liegen. Als Rest komme nur noch eine Mischfinanzierung aus Vorverkäufen an TV-Sender und Fördergeldern in Frage.

Die Ratschläge Cormans sind trivial, aber zeitlos: Passt auf das Genre auf. Filme sind nur rentabel wenn sie weltweit funktionieren. Komödien tun das zum Beispiel nicht. Passt auf Euer Budget auf. Macht kein Script, das nicht in das Budget passt. Fangt nicht zum Drehen an, wenn ihr nicht den kompletten Film im Kopf habt. Macht eine ausführliche Vorproduktion. Kümmert Euch um das richtige Equipment. Seid vorbereitet. Wirkt vorbereitet. Macht ein persönliches Investment indem ihr dahinter steht.

Es ist erstaunlich, wie Corman völlig frei und ohne Script von der Bühne aus dem Nähkästchen plaudert. Relaxt sitzt er unbeeindruckt vor der riesigen Kinoleinwand und füllt das Kino souverän nur mit seinen Erzählungen aus. Geschichten über Scorsese. Cameron. Wells. Spielberg. Aber es gibt auch speziellere Ratschläge aus Cormans eigener Filmerfahrung. Er erzählt wie man die Drehzeit mit Hilfe mehrerer Kameras einspart, wie eine einzige Dialogzeile oder ein falsches Ende einen ganzen Film ruinieren kann und warum es manchmal Sinn macht, den gleichen Film unter einem neuen Namen zu veröffentlichen.

Interessant wird es dann noch einmal bei der offenen Fragen-&-Antworten-Runde, die gleichzeitig das internationale Publikum des Abends offenbart. Ich bin erstaunt über die unterschiedlichen Englischdialekte, die nun zu Tage treten. Von französischen Filmstudenten bis finnischen Regisseuren ist scheinbar halb Europa für dieses „Event“ angereist. Einige Filmschaffenden erkenne ich sogar wieder. Ich finde es irgendwie ironisch und charmant zugleich, wie „unsere“ Macher plötzlich die Rollen gewechselt haben und mit gebannten Augen aus den bequemen Stühlen auf den 85-Jährigen auf der Bühne starren. So wird Corman mit zahlreichen Fragen gelöchert und bereitwillig erzählt er eine Anekdote nach der anderen. Auch vor exakten Zahlen schreckt Corman nicht zurück? Wie viel zahlt er einem Director of Photography? Wie viel bekommt ein Schauspieler? Er erzählt seine Erfahrungen mit LSD für den Film „The Trip“. Er erzählt wie er mit Kritiken umgeht. Wie er seine Filme an die Filmfeste vertreibt. Er erzählt von seiner eigenen Firma, die er selbst in seinem gesegneten Alter immer noch leitet und die immer noch zahlreiche Filme veröffentlicht. Er erzählt von seinem Oscar und warum er niemals mit einem gerechnet hätte.

Ich lehne mich zurück, mache ein paar Fotos und lausche gespannt. Immer wieder gibt es Informationen, die auch mir völlig neu sind – zum Beispiel, dass Schauspieler für 3D-Filme eine Extragage verlangen. Oder sein Zusammentreffen mit Christoph Schlingensief. Oder dass er das „verrückteste Ereignis seiner Karriere“ gemeinsam mit Bernd Eichinger beim Dreh von „The Fantastic Four“ hatte (bei dem tatsächlich ein kompletter Fantastic-Four-Film entstand, der aber auf Grund tatsächlich verrückter Umstände nie veröffentlicht wurde). Mittlerweile scheint auch der Bayerische Rundfunk Gefallen an Cormans Insiderwissen gefallen zu haben und wirft kurzerhand ein Mikrofon über einen der Lautsprecher. So kann man natürlich auch seine Berichterstattung machen. Ich bin jedenfalls auf das Ergebnis gespannt.

Es wird Nachmittag und leider rufen mich andere Termine. Was ich bis hierhin gesehen und gehört habe war sehr unterhaltsam und ich bin gespannt, wie sich der Sonntag noch bei den „Studenten“ gestalten wird. „Masterclass“ war als Beschreibung der Veranstaltung vielleicht ein wenig übertrieben. Es war mehr ein gemütliches, privates, Matinee-Kaffekränzchen mit einem beeindruckenden Regisseur mit beeindruckenden Erfahrungen. Etwas anderes sollte es aber auch gar nicht sein.

Das Ereignis “Zwei Tage mit Roger Corman” fand im Rahmen des “KALIBER35 Munich Int’l Short Film Festival” statt und wird unterstützt vom FilmFernsehFonds Bayern und dem Amerikanischen Generalkonsulat München. Dieses Special wurde mit Hilfe vom FilmFernsehFonds Bayern und des Muenchner Filmwerkstatt e.V. ermöglicht.