Mit gerade mal 22 Jahren beschließt ein junger Mann italienischer Abstammung, seinen eigenen Horrorfilm zu drehen. Er übernimmt Drehbuch, Regie, Schnitt, Kamera. Sein Vater finanziert den Film. Seine Mutter übernimmt das Make-Up und das Catering. Freunde werden Schauspieler. Die Dreharbeiten beginnen im Sommer 1977. Der Name des jungen Mannes: Don Coscarelli. Don erzählt die Geschichte eines verfolgten Jungen. Verfolgt von einem großen, schwarzen Mann. Und eigentlich ist das im großen und ganzen auch schon. So einfach. Fast eine Kindergeschichte. Und Don arbeitet einen Alptraum seiner Jugend auf: Große, silberne, in der Luft wabernde Kugeln, welche das menschliche Gehirn aufsaugen und mit Mörderwerkzeugen gespickt sind. Eine Vorstellung, die ihn als 17-jähriger wahnsinnig gemacht haben soll, wie er in einem Interview zugab. Und ihn zum kreativen Schaffen triebe. Der Name des Opus: Phantasm.

Don dreht an dem Gesamtwerk über 20 Jahre. Der veröffentlichte erste Teil wird unmittelbar ein Kultfilm und bis heute wird die Geschichte um den Jungen mit den Mörderkugeln entweder innig geliebt oder verständnislos gehasst. Mit einer Ausnahme bleibt der Regisseur Hollywood fern: Phantasm ist Don und Don ist Phantasm. Man kann über Phantasm viel sagen, aber mit Sicherheit nicht, sie sei nicht atmosphärisch. Der Junge, sein cooler Freund Reggie und der Plymouth Barracuda, mit dem der Film über seine Entwicklungszeit praktisch jedes gruselige Kuhdorf in den Staaten durchreist. Angus Scrimm als der unheimliche “Tall Man”, immer auf den Fersen. Coscarelli schafft ganz eigene Bilderwelten, ist fast schon ein Filmmaler – Phantasm ist unter Duzenden von Horrorfilmen sofort zu erkennen. Phantasm ist surreal, mystisch, gruselig, aber auch Science Fiction, Grotesque und Road Movie.


(Der Autor, mit einer Phantasm-Kugel)

Phantasm ist damit auch ein Stück Filmgeschichte. Wir beobachten über den Zeitraum von 20 Jahren Drehzeit den jungen Mike wie er vom kleinen Jungen zum Mann heranwächst. Wir realisieren wie sich der Fokus von Phantasm ändert – je nach aktueller Epoche. Vom klassischen Horrorfilm im Exorzistlook mit hohen Kontrasten und langsamen Erzähltempo zum Splatterkracher mit Tanz-der-Teufel-Anleihen über Kevin-Allüren bis hin zum David-Lynch-Verschnitt beinhaltet Phantasm so ziemlich alles.

Für manche vielleicht auch ein bischen zuviel. In Deutschland ist Phantasm nicht nur indiziert, sondern sogar beschlagnahmt – verboten. Selbst dem Versuch, eine auf nahezu eine Stunde gekürzte Version mit einer FSK-16-Freigabe in den Handel zu bringen, wurde von der Bundesprüfstelle einst mit einer Indizierung begegnet. Für ein FSK16-Tape, wohlgemerkt. Der Schein trügt: Phantasm ist alles andere als ein Torture-Porn, die Beschlagnahmung gerade beim ersten Teil völlig unverständlich.

So fristet Phantasm (oder “Das Böse”, wie er in unseren Kinos Anfang der 80er mal hieß) in Deutschland weiterhin ein Nischendasein und Coscarellis großes Lebenswerk bleibt vielen weiterhin verschlossen. Ob es ein Nachteil ist, sei dahingestellt. Aus heutiger Sicht dürften die Jugendlichen bei dem Streifen nur noch gähnen. Aus historischer Sicht bleibt das Gruselepos natürlich Filmkunst allererster Güte. Für mich ist es immer noch meine Lieblings-Gruselfilmreihe, die mir regelmäßig einen wohligen Schauer über den Rücken jagt. Vieles hängt mit dem Stil Coscarellis zusammen, in den ich mich schnell verliebt habe. Manches vielleicht auch mit der Dokumentation, die vor Jahrzehnten mal auf arte lief (und sich gewohnt über die deutschen Gesetze hinwegsetzte – es lebe die deutsch-französische Freundschaft!) und mir die mir bis dato unbekannte Reihe und Don nahe brachte. Die Kugeln sind für mich Kult. Die Geschichte ist mysteriös und wirr. Das Betrachten der Filmreihe ein surreales Traumerlebnis und ein Fest für jeden Freund des Indie-Kinos.

Grund genug für mich, mir endlich meinen eigenen Phantasm-Cut zu schneiden. In knapp 6 Stunden wird darin die Gesamtgeschichte von Phantasm erzählt. Am Stück. Und natürlich ungekürzt. Die ersten 30 Minuten geguckt und schon erwäge ich ernsthaft, an Halloween auf den ganzen Partykram zu verzichten, die Kugeln zu polieren, lauthals “Boooy!” zu brüllen und eine Phantasm-Nacht auszurufen.